Ekiz-Geschichte und Geschichten
25 Jahre Ekiz - ein Rückblick von Antje Reifferscheidt
25 Jahre Ekiz, 15 Jahre davon habe und wurde ich begleitet und möchte für diese Zeit mal so für mich ein bisschen Revue passieren lassen.
„Move the Pram“, Lichtspirale, Grundsteinlegung, Scroll of Honour, Grassroots-akademie in Salzgitter, der Austausch mit den tschechischen Mütterzentren und ein Highlight hätte ich ja fast vergessen: den Bundeskongress der Mütterzentren 1996 in Leinfelden Echterdingen waren spannende Großereignisse aber dann gab es auch noch die kleineren Höhepunkte des Alltags: Geschenkpapier selber machen, Handpuppen aus Papiermaché , Väterausflüge mit Guido und Louis an den Boden-see, nach Bruchsaal oder in den Märchengarten, mehr oder weniger verregnete Sommerfeste, hausgemachte Fasnetsküchle mit zusammengeliehenen Haushalts-friteusen- aber eigentlich immer ganz schön. Einmal auch eine Lokomotive bauen aus Pappkartons, die war zwar nicht sehr stabil- hat allen aber Spaß gemacht.
Das Ekiz war zu der Zeit noch im Hinterhof in der Bismarckstrasse 55/1 und es war auch ganz schön gemütlich. Gekocht hatten wir nur einmal wöchentlich, das lief abwechselnd und reihum und damals schon international, vielfältig und in unter-schiedlicher Qualität. Man meldete sich an und meistens waren es so ca. 8-15 Frauen mit ihrer Brut die sich da um zusammengestellte Esstische versammelten. Außerdem begannen wir alle gemeinsam mit einem Tischspruch:
Erde, Rolle Rolle Rolle
die uns dies gebracht, der Teller ist noch volle
Sonne,
die es reif gemacht: der Magen ist noch leer
Liebe Sonne, liebe Erde, und brummt wie ein Bär
euer nicht vergessen werde.
Meine Kinder waren noch klein, als ich anfing regelmäßig zu kommen und zu mitarbeiten. Damals war eines der Highlights das Kindersingen mit Guido und der wurde auch bald eine ganz schön wichtige Identifikationsfigur für viele Kinder. Manche, so wie meine zwei hatten in ihrem Alltag nämlich keine Väter um sich herum. Und bald wurde dieses öffentliche Wohnzimmer mit dem „ChefInnensofa“ auch unsere Wohnzimmeraußenstelle.
Es machte doch viel mehr Spaß in Gesellschaft zu essen und zu spielen. Hier feierten wir auch unsere Kinder -und Erwachsenengeburtstage und schlossen so manche Freundschaft, die bis heute andauert.
Ja, was einem so alles einfällt…Gerne habe ich dort gekocht und brachte dann aus der Mutter-Kind-Kur an der Nordsee Rezepte für vegetarische Brotaufstriche mit und ein Lied für den Mittwochmorgen, an dem das Kindersingen stattfand, "Das Lied von den 10 kleinen Indianern":
1996 fand das für mich bedeutsame erste größere Ereignis statt, der Bundes-kongress der Mütterzentren unter der Schirmherrschaft der Bundesverfassungs-richterin Jutta Limbach. Viel davon mitbekommen habe ich allerdings nicht, weil ich irgendwo in einer Schulklasse einen Würstchenstand betreute. Ich war zum Schluss so verwirrt, das die Frauen ein großes Vergnügen hatten, wie ich Würstchen mit Kaffee verwechselte. Zum Glück hatte das Mütterzentrum „Arche Nora“ im selben Raum einen Kaffeestand und konnte mir beistehen.1997 gewannen wir den Wettbewerb „Lebendiger Westen“, zu dem ich auch einen Beitrag über die „Professionelle Nachbarin „ beitragen konnte. Im selben Jahr fuhren wir dann mit einer Delegation von 4 Frauen Sofia, Feli, Iris Donhauser und mir sowie Andreas´ Sohn Frederik nach Bonn anlässlich der Uno-Habitat Preisverleihung mit Klaus Töpfer nach Bonn um den „Scroll of Honour“ – aber leider kein Geld einzusammeln. Nun der Preis hat auch so für viel Motivation gesorgt. In dem Diplomaten-
köfferchen meines Vaters, das ich von ihm geerbt hatte, konnten wir ihn sicher nach Stuttgart bringen Der arme Fred wäre allerdings unterwegs gerne ins Mauseloch gekrochen, weil ich im Abteil das Lied von der Loreley sang. (Heute würde ich das auch nicht mehr tun, da würden meine Söhne schon dafür sorgen.)
1998 wurde die Verbraucherinitiative „Plattsalat“ gegründet, aus der Flohmarktecke im Ekiz entstand ein Secondhand laden, zeitgleich wurden die Räume nebenan in der AWO frei und so konnten sowohl Second Hand, als auch die Initiative und der Minikindergarten dort einziehen, den Guido mit einer Erzieherin, Evi und Sabine- beide heute in der Sternschnuppe – betreute und Feli hatte den Keller. Das war ein Keller- kaum vorstellbar- aber man konnte irre Sachen finden…Raritäten, Kurio-sitäten und manchmal lang vermisste Gegenstände.
Die Kooperation mit Plattsalat begleitet uns auch bis heute.
Schön war die Namensfindung für den Secondhandladen; Feli setzte nämlich einen Preis aus für den besten Namen. Diesen hatte sich Tahnee redlich verdient, sie kam in Anlehnung an unser Motto: “Wir holen uns selbst die Sterne vom Himmel“ auf den Namen Sterntaler, denn es sollte ja Taler regnen.
Ich kann mich noch an eine Spende Kleinkindunterhosen erinnern, die Feli uner-müdlich an den Mann zu bringen versuchte. Der Haken war nur, dass sie nieman-dem passten. Es kamen sowieso dauernd die merkwürdigsten spenden, Tennisbälle und dann auch mal eine Ladung palettenweise „HohesC mit Milch“.
Der ganze Hof stand voll und alle waren froh, als wir Monate später alles unters Volk gebracht hatten…wir konnten es nicht mehr sehen. Die Tennisbälle kommen uns heute noch bisweilen entgegen …aus irgendwelchen Verstecken in irgendwel-chen Schränken.
Was ich ganz vergessen habe, die Kernzeitbetreuung in der Vogelsangschule kann jetzt auf bestimmt 14 Jahre zurückblicken. Die wurde 1997 gegründet, als Elkes Sohn Rainer in die schule kam und sie wieder in den Beruf zurückkehrte. Zuerst hieß es „nee nee, hier herrscht kein Bedarf… von Seiten der Schule…
aber als eine Umfrage gestartet wurde, zeigte sich schnell ganz viel Bedarf. Und so sind wir Ekizfrauen: Wir sehen einen Bedarf und setzen unsere Ideen zur Erfüllung ganz schnell in die Tat um. Das war auch eine ganz besondere Kernzeit; es gab nämlich Mittagessen. Und die Betreuung wurde von Ekizfrauen abgedeckt. Mittlerweile wurde die Kernzeit von der Stadt übernommen, die Organisation und Durchführung des Essens leistet bis heute das Ekiz. Wer nicht dabei war kann sich das gar nicht vorstellen. Mit 15 Kindern haben wir gestartet. Die Zahl hat sich mittlerweile verzehnfacht.
1998 avancierten die Dienstfrauen zur Gastgeberin, weil die Gäste sich willkommen fühlen sollten. Aber auch weil wir den BesucherInnen das Geschenk der Dazuge-hörigkeit und Teilnahme am Tun und Leben im Zentrum machen wollten.
1999 machte sich dann das Ekiz selbstständig mit einem opulenten Buffet, bei dem irgendwie nichts klappen wollte. Es war dann aber trotzdem ganz toll geworden. Wir wuchsen zu einem mittelständischen Unternehmen heran, das mittlerweile an der Planung zum Generationenhaus West mit mehreren Kooperationsträgern beteiligt war und mit der freundlichen Unterstützung von dem Architekten Sven Kohlhoff aus dem Büro Kohlhoff&Kohlhoff konnten wir uns als Selbsthilfeinitiative wunder-bar behaupten. Ich weiß noch genau, wie er sagte, das wir uns gut verständlich machen müssten bei diesem großen Projekt, „er wolle nicht in dem Café nachher nur zwei weinende Mütter sehen“. Und dabei saß er gerne bei uns im Höfle und ließ sich mit Eisbechern mit Erdbeeren und Sahne verwöhnen.
Die Grundsteinlegung fand Anfang Winter mit Sektempfang und allen unseren guten Wünschen, die in den Grundstein mit eingemauert wurden. Die EkiZ-Frauen
kredenzten formvollendet Sekt und Snacks in weißen Blusen und schwarzen Hosen. Wir froren erbärmlich trotz 3er wollener Unterhemden -wie Hosen.
Wir haben viel dabei gelernt, bei den Begehungen des Hauses, z.B. Baupläne lesen. In einem Mütterzentrum ist ja das Schöne, das es viele Expertinnen des Alltags gibt, die ihr tägliches Leben ganz gut meistern und ihre beruflichen Erfahrungen mit hineinbringen können. Aber auch umgekehrt lernt man im MüZe Dinge von und über sich -und von Kooperationspartnern, von denen man nicht zu träumen gewagt hätte. Kooperationspartner der Planung waren damals außer dem Jugendamt und der Freien Altenarbeit noch Mitarbeiter des „Eigenbetriebs Leben und Wohnen“ vertreten durch Heimleiter Alfons Knebel, Andreas Weber und Herr Carrier, die viele Ideen zum betreuten Wohnen in das Projekt einbrachten. kurz vor Schlüsselfertig-keit des Hauses wurden die Kooperationspartner durch die damalige Sozialbürger-meisterin gewechselt, statt ELW ist nun das Wohlfahrtswerk mit im Haus integriert.
Anno 1999 begann unsere Mitarbeiterin Andrea Buntschuh mit dem betreuten Umgang, der sich an den Erfahrungen von Müttern, Vätern und Kindern nach Trennungen orientierte, die es im Umgang miteinander nicht einfach hatten- und es auch nicht machten. Bei dem von ihr entwickelten Konzept wurden die Kinder und Väter in Gruppen betreut, so dass das sich Annähern in schwierigen Situationen und nach lange unterbrochenen Kontakten von allen gemeinsam aufgefangen wurde.
Einmal mussten wir einen Vater, der sich nicht verabschieden konnte in Feli´s Keller verstecken. Im Jahr 2000 durften wir den Alltag eines Mütterzentrums während der Fraueninfotage im Treffpunkt Senior im RotebühlBau darstellen mit kleinen Snacks und frisch gepressten Säften und einer Teeprobe, die uns Kristina Bottler beeindrucksvoll in der Sachkenntnis gestaltete. Das waren 3 sehr anstren-gende, auch schöne Tage. Zwischendrin gründeten wir noch unsere eigene Frauen-spargruppe.
10 Jahr sind wir nun im Haus. Seit dem Einzug in das Mehrgenerationenhaus hat sich einiges geändert. Wir haben seitdem eine Ganztageseinrichtung mit einem
Platzsharingmodell- die Sternschnuppe das bis heute eine Vorreiterrolle einnimmt. Und seitdem wird hier auch täglich gekocht in Bio-Qualität. Auch die Räumlichkei-ten sind natürlich anders.
Der Einzug ins MGH fand mitten im Sommer während der Ferienzeit statt und vorher musste natürlich Feli´s Keller geräumt werden. Also fanden regelmäßige Flohmärkte zu Schnäppchenpreisen statt. Andrea fand bei dieser Gelegenheit ihre lang vermisste Brille wieder.
So konnten wir den Umzug in die neuen Räume mit wenig Altlasten und unter der tatkräftigen Hilfe von Martin Schlachter, Iris Scholles, Uwe und Carmen etc.,
nicht zu vergessen dem Umzugsunternehmen Weiß aus der Nachbarschaft stemmen ; es macht nichts mehr spaß als zwischen Umzugskartons bei heißem Wetter zu picknicken und mit Freunden Kartons mit neuen Sachen auszupacken und sich zu freuen Ebenfalls im alten Ekiz fingen wir an, Straffällige, die Arbeitsstunden aufgebrummt bekommen hatten, zu betreuen. Dies bedeutet bis heute einen erheblichen Aufwand, da diese Tätigkeit ehrenamtlich erfolgt und wir keine Zu-schüsse dafür erhalten. Junge Mütter können ihre Kinder während ihrer Arbeitszeit betreuen lassen und alle bekommen ein kostenloses Mittagessen. Übernommen wird diese Aufgabe vor allem von Arife und Feli, die diese Menschen mit viel Geduld begleiten. Wir fanden es wichtig, ihnen ein funktionierendes Netzwerk zu bieten und über die Freude am Erfolg bewältigter Aufgaben einen Zugang zur Disziplin zu weisen. Manche bleiben bei uns und finden eine Heimat. Einige kommen mit ihren Kindern wieder. Natürlich lernt man viel dabei, aber es ist auch eine sehr anstren-gende Angelegenheit, die ich doch gerne mal auf diesem Wege mit besonderer Anerkennung erwähnen möchte.
Einige Freundschaften haben sich ergeben mit den BewohnerInnen. Wir treffen uns zu den Veranstaltungen des Hauses, zu Kaffee und Kuchen, zum Brunchen und z.B. zum mittlerweile traditionellen Fastenbrechen anlässlich des Ramadan, das erst vom Generationenhaus ins Leben gerufen wurde und seit …... Jahren übernimmt das Ekiz die Gestaltung dieses Events.
Trotz jahrelanger Bemühungen wurde 2006 das Landesprogramm Mutter und Kind Baden Württemberg endgültig abgeschafft. Von Beginn des Ekiz an waren Gruppen dieses Programms im Ekiz beheimatet und wurden von Anne Beck, Waltraud Fritschi, Angela Mayer- im alten Ekiz ausgestiegen- Andrea Laux und Adriane Gentner kompetent betreut.
Das Landesprogramm unterstützte Frauen, die ein Kind ohne Unterstützung des Partners großziehen mussten, in den ersten 3 Jahren, damit diese ohne finanzielle
Not und ohne beruflichen Druck zuhause bleiben und sich der Erziehung ihres/r Kindes/r widmen konnten. Während der Betreuung wurden nicht nur Kurse zur Säuglings- und Kinderpflege angeboten, sie wurden in schwierigen Situationen aufgefangen und man hatte auch sonst die Möglichkeit zur Krisenintervention. Der schöne Nebeneffekt dieser Kooperation war, das viele Frauen eine Heimat im Ekiz finden, sich engagieren und weiterbilden oder gar eine berufliche Perspektive oder Grundlage entwickeln konnten. Denn manche Berufe sind auch im Normalfall nicht familienvereinbar und durch die fehlende spezifische Kinderbetreuung im Falle von Wochenendarbeit schon gar nicht für Einelternfamilien zu stemmen, wenn nicht wenigstens eine Oma oder ein Vater im Hintergrund zur Verfügung steht. Steuerlich wird man mit dem Problem auch alleingelassen. Im Eltern- Kind- Zentrum kann man seine Kinder mitbringen, sie gehören dazu.
Dadurch, dass das „MuKi“ wegfiel, brach auch eine Säule der Finanzierung weg; dafür bewarb sich das Ekiz dann für das Förderprojekt der Mehrgenerationenhäuser der Bundesfamilienministerin Frau Ursula v. der Leyen und bekam im Herbst 2007 den Zuschlag. Gleichzeitig etablierte sich „Opstapje“ in Kooperation mit dem Jugendamt und wiederum konnten wir einige Frauen, die sich schon ehrenamtlich in der offenen Kinderbetreuung engagierten, für diese Arbeit begeistern und ein-stellen. Opstapje ist eine Begleitung junger Familien und Anleitung zur Interaktion zwischen Mutter und Kind beim spielen und Sprechen. Leider muss dieses Projekt,
wie so viele, regelmäßig neu beantragt werden, so dass es keine Finanzierungs-sicherheit gibt. Und weil wir ja ein internationales Haus sind mit einer reichen gelebten Integration, über die wir nicht diskutieren, haben wir einmal im Quartal einen Brunch aus verschiedenen Nationalitäten .Das Besondere daran ist, das wir eine Kinderbetreuung und ein Unterhaltungsprogramm anbieten.
2006 hatten wir einen internationalen auftritt in den Zeitungen –mit Mütterzentren in Prag und Bosnien vernetzt starteten wir einen Meilenlauf für die Familien und
ließen uns ins Guinessbuch der ReKorde eintragen. Das gab es vorher noch nie.Ort des Geschehens in Stuttgart war ein Teil des Stuttgarter Schlossgartens, da, wo
heute die Tipis der Parkschützer stehen. Immer wieder entwickeln sich aus den Träumen und Bedürfnissen neue Partnerschaften, bei Streiks können Eltern ihre Kinder zu uns in die Notfallbetreuung bringen, ebenso bei Arztterminen und anderen Stolpersteinen des Alltags. Desgleichen machen auch verschiedene Unternehmen der Nachbarschaft wie Versicherungen bei uns nicht nur Fortbil-dungen in der Familienselbsthilfe, sie unterstützen uns außerdem beim Programm (Druck)und mit Computerprogrammen und sind Nutznießer unserer vielfältigen
Angebote. Die soziale Schülerbetreuung wurde …wiederbelebt und bietet Kindern aus prekären finanziellen Verhältnissen eine Möglichkeit der Hausaufgaben-betreuung. –wiederum mit Mittagessen.
Auch hier ist die Finanzierung immer wackelig. Gesetzliche vorgaben orientieren sich nicht immer am tatsächlichen Bedarf.
Im Stadtteil sind wir ein fest integrierter Nachbarschaftstreff, den niemand mehr missen möchte. Unsere Räumlichkeiten stehen vielen Gruppen offen. Politiker
kommen zur Bürgersprechstunde und stehen antwort zu Fragen und wir selber tun was wir können, um unsere Welt für Familien und Nachbarschaft lebenswert zu machen und ihnen Gehör zu verschaffen. Ich bin wirklich froh, einen Anteil daran zu haben.
Das Ekiz ist ja dein Baby...- Andrea Laux im Interview mit Antje Reifferscheidt
Um die Entstehungsgeschichte zu schreiben, treffe ich mich mit Andrea zum Interview. Es ist gar nicht so einfach, einen Termin zu finden, denn Andrea ist sehr beschäftigt. Entweder kommt ein Fundraisingtermin dazwischen, MINE, das Babycafé oder ein hochoffizieller Beratungstermin bei einem der verschiedenen Gremien. So treffen wir uns heute zu einem leckeren Eiskaffee auf der Terrasse des 2. Stocks im Mehrgenerationenhaus. Und machen einen Rückblick auf die Zeit vor 25 Jahren, sprich auf das Jahr 1986.
"Das Ekiz ist ja Dein Baby. die Geschichte der Entstehung ist interessant. Würdest Du mir mehr dazu erzählen?"
„Als alleinerziehende Mutter und Teilnehmerin am Landesprogramm Mutter und Kind fühlte ich mich einerseits überbetreut mit den Sozialarbeitern und diesen Expertinnen für meine Bedürfnisse und andererseits unfähig, auch nur irgendwas auf die Reihe zu kriegen,- irgendwie ohnmächtig.
Dann kam die Aufforderung von Peter Messmer, der damals der Jugendhilfereferent der AWO war, ich solle ihm aufschreiben, was Alleinerziehende wirklich brauchen.
Er wollte von mir lernen, um das Landesprogramm Mutter und Kind für Stuttgart bedarfsgerecht weiter zu entwickeln. Das habe ich gemacht. Allein die Frage war heilend, die hat mir gut getan und brachte mich dazu, eine Idee zu kreieren. Als er meine Ideen vernahm, sagte er 'Ihr Bedürfnis spiegelt die Idee des Mütterzentrums wieder' und machte mich auf das Buch „Mütter im Zentrum- Mütterzentrum“ aufmerksam. Ich habe es gelesen und das erste Mal das Gefühl gehabt: “Das mach ich, das kann ich auch“!
"Was war Dir wichtig?"
"Dass ich eine Gruppe von Frauen finde, die das mit mir zusammen machen.
Es kam zu einem Job, die erste Mukigruppe (Mutter-Kind-Gruppe) in Stuttgart zu leiten und ich habe sofort einen anderen Ansatz für die Gruppenleitung entwickelt, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren, miteinander zu arbeiten und Ideen in die Tat umzusetzen. Alle waren Expertinnen auf ihrem Gebiet. Miteinander
nahm die Idee eines Mütterzentrums Gestalt an. Ich weiss noch, dass wir handgeschriebene Zettel -auf einer Matrize vervielfältigt- auf dem Markt verteilten. Zum ersten Treffen versammelten sich 32 Frauen, ein buntgemischtes
Publikum – und da zeigte sich, dass verheiratete Mütter dieselben Bedürfnisse haben."
"Das waren auch tolle Jahre in den Achtzigern, was alles auf die Beine gestellt wurde. Ich war damals 1986 Hausbesetzerin und schrieb anarchistische Artikel für kleine revolutionäre Käsblättchen. Da hat man was auf die Beine stellen können.
Im Übrigen war ich auch verheiratet und als mein erstes Kind kam, fühlte ich mich manchmal richtig abgemeldet. Alles kümmerte sich um Moritz, der ja so winzig war und viele haben vergessen, mich zu grüßen."
"Ja, das war auch eines unserer Anliegen, nicht nur über Windeln und Babybrei zu reden, das stand glaube ich,sogar auf unseren Handzetteln. Jedenfalls entwickelte sich aus dem Haufen Frauen die Initiativgruppe."
"Eines unserer Anliegen ist ja das Mit- und Voneinander Lernen. Erklär´ mal, wie wir das leben."
"Es ist eigentlich noch so wie damals: es entsteht nichts am grünen Tisch oder über die Menschen hinweg. Es entsteht nur im Dialog mit den Menschen, die rein-kommen mit dem was sie brauchen und einbringen können. So ist das die ganzen
Jahre lebendig geblieben. Das merken die Besucher und manche, die hier mitgear-beitet haben, gründeten ihrerseits Mütterzentren in ihrer Heimat, wie zum Beispiel Senada. Eines der Grundbedürfnisse ist der Austausch der Familien und Nachbarn und dass man die Gestaltung seines Lebensraums oder Umfelds gemeinsam in die Hand nehmen kann. Dass man nicht allein gelassen ist. Dass man passgerechte Lösungen findet, dass diese zeitnah oder sofort umgesetzt werden. Nicht dass man um einen Hortplatz für das Kind kämpfen muss und der Enkel kann erst davon profitieren. Wichtig ist doch auch ein öffentlicher Raum, in dem ich nicht nur zielgruppen-orientiert betreut werde, sondern wo ich Teilnehmer bin, eigene Ideen leben und umsetzen kann unabhängig von Lebensalter, Herkunft, Bildung, Situation."
"Damit sind gleich 2 Fragen beantwortet worden, ich hätte dich sonst gebeten, mir den Erfolg dieses Exportschlagers zu erklären, denn das sind Mütterzentren ja: ein Exportschlager. Hättest Du jemals gedacht, als Kooperationspartner mit
der Stadt oder dem Familienministerium zusammenzuarbeiten? Und das unser Zentrum so groß wird?"
"Nein. Konkurrenzkämpfe haben eigentlich nötige Partnerschaften verhindert, bzw. verzögert. Das ist ja Gottlob im Wandel.“
"Nachbarschaft verleiht vielen Menschen auch eine Stimme und es ist ja auch notwendig, dass der Bedarf an Lebensqualität und die vielfältigen Wege zur Erfüllung desselben der Vermittlung nach oben braucht. Andrerseits benötigen auch die Gremien einen Vermittler, denn wie sollen sie handeln, wenn sie nicht wissen, was die Bürger brauchen. Sonst wird die ganze Sache abstrakt. Oder man lebt aneinander vorbei. Im Ekiz finde ich für mich einen Platz, den sogenannten Dorfplatz der Moderne, an dem ich schwatzen, arbeiten oder einfach sein kann."
"Dem kann ich mich nur anschließen."



